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05 Okt

Das Lied von Eis und Feuer, J. R. R. Martin, Romanserie, Rezension

Im Januar 2013 marschierte ich in einen Buchladen, um meine „Geburtstagsgeschenkgutscheinchen“ in Lesbares umzutauschen. Von vornherein hatte ich dies beabsichtigt und meine Freunde gebeten, keine Präsente mitzubringen, sondern Gutscheine nur von diesem Buchladen und keinem anderen.

Zielsicher steuerte ich einen hoch mit Büchern beladenen Grabbeltisch an und lud mir die zehn Bände von George R. R. Martin auf. Mit dem Stapel navigierte ich mich zur Kasse und wurde prompt von der Kassiererin gefragt, ob ich denn gut gefrühstückt hätte. Ich lugte mit fragendem Blick über den Stapel, den ich mir einen halben Meter hoch bis unter die Nase aufgetürmt hatte, sodass sie meinte, es wären ja bestimmt acht bis zehn Kilo. Ich stellte den bedenklich schwankenden Stapel auf dem Tresen ab, neugierig beäugt von einer Schlange Kunden hinter mir. Nachdem ich „gutscheinbezahlt“ hatte, wünschte mir die Verkäuferin noch einen unfallfreien Weg bis zum Auto, obwohl ich schon auf Tütentransport umgestiegen war.

Zu Hause angelangt, fing ich sofort an zu lesen und nach zehn Monaten war der letzte Band von „Das Lied von Eis und Feuer“ durch.

Ich bin ein Spätzünder und springe selten auf einen aktuellen Trend auf. Daher holte ich die Bücher erst, nachdem ich eine begeisterte Rezension in dem Magazin „Phantastisch“ gelesen hatte. Es schien genau nach meinem Geschmack zu sein – richtig!

Nun hatte ich vielleicht den Vorteil, alle zehn Bände in einem Rutsch zu lesen, anstatt zum Teil jahrelang auf den nächsten Band zu warten. Die Fernsehserie hatte ich schon zuvor ausschnittweise wahrgenommen, aber noch nicht realisiert, worum es ging.

Mein Eindruck beim Lesen:

Von Anfang an haben mich fasziniert der Umgang mit den Hauptpersonen und das Geflecht der Handlung.

Das macht viel vom Reiz der Romane aus, nämlich der Verstoß von J. R. R. Martin gegen die gängigen Schreib-Regeln: die Hauptpersonen bis zum Ende zu „schonen“ sowie die Geschehnisse möglichst durchgängig aus der Sicht eines Helden zu erzählen.

Er opfert stattdessen seine Helden und in jedem Kapitel wird die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel (Viewpoint) weiter erzählt.

Obwohl er also dem Leser mit der Opferung der Helden einiges zumutet, vergrault er die Leser nicht, denn die Geschichte ist dermaßen episch aufgebaut, dass „mühelos“ ein anderer Held in die Bresche springen kann. Zudem ist die Handlung trotz stets wechselnder Sichtweisen durchgehend logisch geknüpft – die für mich mit Abstand beachtlichste Leistung des Autoren!

Diese beiden „Verstöße“ also zogen mich in den Bann der Geschichte und ließen mich dran bleiben.

Das Werk ist umfangreich und wird noch mehr anschwellen. Hier beginnt die Schwäche, nämlich das Schreiben vom Hundertsten ins Tausende, indem er noch mehr Handlungsfäden einknüpft. Ich ertappte mich immer wieder dabei, dass ich voraus blätterte, um nachzusehen, wann wieder ein Kapitel mit einem meiner „Lieblinge“ wie Tyrion Lennister kommen würde.

Der Handlungsfaden zum Beispiel der Brienne von Tarth läuft regelrecht ins Leere, wird nach gefühlten 1.000 Seiten erst wieder aufgenommen und sogleich wieder fallengelassen.

Bezeichnend dafür ist das Vorwort des Autoren in einem der späteren Bände, in dem er sich bei den Lesern geradezu entschuldigt für sein „Ausschweifen“.

Zudem schont er mit fortlaufender Handlung die „alten“ sowie die in die Bresche gesprungenen Helden – er verstößt weniger gegen die Regeln wie am Anfang, ein großer Teil des Reizes geht dadurch verloren. (Auch Tyrion müsste sehr bald dran glauben – jawoll – obwohl er mein persönlicher Held ist. Eben deswegen, weil das der ganz besondere Reiz dieser Serie ist!)

Sicherlich hat er dies bemerkt, denn der zehnte Band endet mit einem Paukenschlag: Einer der bisher durchgängig agierenden Helden muss dran glauben ... überraschend, aber konsequent. Sehr spät, aber immerhin. Vielleicht bekommt Martin ja wieder die Kurve und schreibt ab Band 11 wieder so „hart“ wie zu Beginn.  

Gestört hat mich von Anfang an die unrealistische Mauer, bis ich mich entschlossen habe, sie einfach so stehen zu lassen. Durchgängig haben die Bände eine Schwäche mit der längeren Zeiteinteilung, speziell bei nachvollziehbaren Alterungsprozessen einiger Hauptpersonen.

Alles in allem ein großes Lesevergnügen, jedoch mit nachlassender Tendenz.

Und ob es jemand glaubt oder nicht ... ich warte nicht sehnsüchtig auf den nächsten Band 11/12). Ich bin nämlich nicht scharf darauf, zu erfahren, dass die Drachendame Daenerys auch nach dem 14. Band noch nicht in Westeros „eingetroffen“ ist. (Gähn!)

Trotzdem unbedingte Leseempfehlung für noch länger als ich Ahnungslose!

Der Kauf aller zehn Bände auf einmal ist ebenso unbedenklich! (Aber ... s. u.)

kinnison

PS: Beim 10-Band-Großeinkauf gut frühstücken nicht vergessen!

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