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12 Sep

"Taube Nuss", Alexander Görsdorf, Geschichten, Rezension

Zunächst eine Empfehlung: http://notquitelikebeethoven.wordpress.com

Dieser Blog über Unhörbares, Unerhörtes und Nichtgehörtes befasst sich naheliegend mit Taubheit und Schwerhörigkeit.

Der Titel „Not quite like Beethoven“ (Nicht ganz (so) wie Beethoven) bezieht sich wohl darauf, dass Hörgeschädigte keineswegs so verzweifeln müssen wie Beethoven.

Dass Alexander Görsdorf einen englischsprachigen Titel für seinen Blog gewählt hat, könnte daran liegen, dass er diese Sprache fließend beherrscht – er promovierte in Harvard, USA.

Die Promotion (lat. promotio ‚Beförderung‘) ist die Verleihung des akademischen Grades eines Doktor oder einer Doktorin in einem bestimmten Studienfach und in Form einer Promotionsurkunde. Sie gilt als Nachweis der Befähigung zu vertiefter wissenschaftlicher Arbeit und beruht auf einer selbständigen wissenschaftlichen Arbeit, der Dissertation, sowie einer mündlichen Prüfung. Das Promotionsrecht besitzen Universitäten und (in Deutschland) ihnen gleichgestellte Hochschulen.

Die Harvard University (kurz Harvard) ist eine private Universität in Cambridge, Massachusetts im Großraum Boston an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Die Gründung geht zurück auf das Jahr 1636, als fromme englische Kolonisten im damaligen Newetowne den Beschluss fassten, eine Ausbildungsstätte für Geistliche zu errichten. Aus dieser Schule ging die Harvard-Universität hervor, die damit die älteste Universität der Vereinigten Staaten ist. Harvard erreicht in internationalen Vergleichen regelmäßig einen Spitzenplatz unter den besten Eliteuniversitäten.

Warum füge ich aus Wikipedia diese langen Erläuterungen an? Auch wenn man es nicht glaubt – es gibt (einige?) Leute, die so etwas nicht wissen, vor allem Taube und Schwerhörige. Die würden wohl eher sagen: „Der hat seinen Doktor gemacht und zwar auf einer Ami-Uni.“

Sein Buch „Taube Nuss – Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen“ ist eine Zusammenstellung von kurzen Geschichten und Episoden. Seine Erlebnisse kann man zusammenfassen in einem Satz: „Es geschieht so viel, was wirklich nur einem Schwerhörigen (Tauben/Ertaubten/Hörgeschädigten) passieren kann!“

Ganz genau so ist es – häufig identifizierte ich mich mit den geschilderten Gegebenheiten, weil ich sie selbst erlebt habe oder ohne Weiteres nachvollziehen konnte. Aber nicht posthum grollend, sondern nachsichtig lächelnd. Dafür sorgt der Autor mit seiner durchweg humorvollen Sicht der Dinge. Aber da muss man als Betroffener erst einmal hinkommen – kein Wort davon, wie er es geschafft hat, seine Behinderung „von der leichteren Seite“ zu nehmen.

Aber es gibt solche Menschen, die unwiderstehlich ihre Bahn ziehen, egal, welches Handicap sie haben. Ich kenne so einen Einzelkämpfer, der ist heute Chefarzt und wollte es auch werden und hat sich von niemandem auf seinem Weg aufhalten lassen.

Bei den Texten von Alexander Görsdorf fiel mir schon während des Lesens auf, dass er sich stets orientierte an den „Flotthörenden“, so nennt er die gut Hörenden auf etwas flapsige Art. Zu ihnen will er gehören um jeden Preis. So wie Beethoven, der den Hörenden verpflichtet bleiben wollte oder musste wegen seiner Musik.

Der Blick auf die andere Seite, ein Leben unter Schwerhörigen oder Tauben, fehlt in dem Buch gänzlich, ganz im Gegensatz übrigens zu seinem Blog.

Es gibt einige Geschichten mit „Ärger“, den er sich hätte ersparen können, wenn er mit „Seinesgleichen“ darüber gesprochen oder Kontakt gehabt hätte. Zum Beispiel gibt es statt Vibrationswecker auch Lichtwecker mit denen er in einigen Situationen „besser gefahren“ wäre.

Vor vielen Jahren empfahl Dr. Werner Richtberg uns jungen Schwerhörigen bei einem Vortrag, mit unserer Behinderung in „angemessener Resignation“ umzugehen. Ich hätte ihm am liebsten ... und Herr Görsdorf an meiner statt wohl noch mehr ...

Heute gebe ich ihm recht – es erspart einem eine ganze Menge Mühsal. Es ist immer ein Nachteil, schwerhörig zu sein, und es kostet immer zusätzliche Kraft, mit den gut Hörenden mitzuhalten. Es gibt nur ganz wenige, wie Alexander Görsdorf, die das schaffen und wohl über einen geheimen Born verfügen, aus dem sie unermüdlich neue Kraft schöpfen.

Ich indessen habe längst die Erfahrung gemacht, den „Schwierigkeiten“ in meinem Leben besser aus dem Weg zu gehen. Das bedeutet für mich, mich nicht mehr als nötig der Welt der Hörenden auszusetzen, obwohl ich mich hundertprozentig lautsprachlich orientiere, allein schon durch meine Tätigkeit als Schriftsteller.

„Taube Nuss“ ist ein originelles Buch in wohltuendem Stil und ich habe es gern gelesen. Auf seine Art ist das Buch gelungen und sehr zu empfehlen.

Daher sind meine Anmerkungen nicht dazu gedacht, dieses Werk in irgendeiner Weise abzuwerten, sondern sie sind lediglich mein Hinweis, dass jede „Medaille ja auch noch eine andere Seite hat“.  

Klaus Scheidt

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